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Religionsfreiheit, reloaded

Der Ausbau des Laizismus kann die Zahl religiöser Konflikte verringern
LENA NAUMANN
„Die Freiheit ist eine neue Religion, die Religion unserer Zeit.“ Diese modern anmutende Sentenz stammt nicht etwa aus der Feder eines zeitgenössischen Humanisten, sondern wurde vor fast zweihundert Jahren vom Dichter Heinrich Heine in seinen Englischen Fragmenten notiert. Wenn Freiheit im Verständnis Heines eine Religion ist, brauchen wir dann noch die alten monotheistischen Religionen oder sind sie nicht schon längst das Gegenteil von Freiheit, nämlich geistige Gefängnisse, die dem Mündigwerden des Bürgers schon viel zu lange im Wege stehen?

Religionsfreiheit ist ein Grund- und Menschenrecht, das im Artikel 18 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der UNO so formuliert ist, dass jeder seine Religion wählen, wechseln und allein oder gemeinsam mit Anderen öffentlich praktizieren kann, andererseits auch nicht dem Zwang ausgesetzt sein darf, einer Religion angehören zu müssen, sondern die Möglichkeit hat, religionsfrei, beispielsweise als Atheist und Humanist zu leben.
Zahlreiche Staaten, vor allem in Europa, gewähren ihren Bürgern also ebenso eine positive Religionsfreiheit wie eine negative, letztere im Sinne einer Freiheit von Religion. Im Unterschied zu vielen islamischen Staaten dürfen europäische Bürger ihre Religionsgemeinschaft jederzeit verlassen, müssen nicht an kultischen Handlungen und Feierlichkeiten teilnehmen und besitzen auch das Recht, ihre persönlichen weltanschaulichen Überzeugungen nicht offenbaren zu müssen. Dieses Recht verdanken wir einem langen Kampf der Aufklärung gegen den Absolutheits- und Herrschaftsanspruch der katholischen Kirche. Wie wenig selbstverständlich die negative Religionsfreiheit ist, zeigt die aktuelle Situation in vielen islamischen Staaten, in denen die Scharia als Basis des Rechtssystems gilt: Ein Muslim besitzt nicht die Freiheit, aus dem Islam „auszutreten“, Atheist zu werden oder eine andere Religion als den Islam zu wählen. In diesem Punkt steht der Islam in eklatantem Widerspruch zur Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte. Welch ein hart erkämpftes Recht die negative Religionsfreiheit ist, zeigt noch bis heute die Situation im katholischen Polen: Hier gilt zwar offiziell die Gewissens- und Religionsfreiheit – eine negative Religionsfreiheit, also das Recht, keiner Konfession anzugehören, ist allerdings nicht in der Verfassung verankert. Das oberste polnische Verwaltungsgericht verhindert regelmäßig den Versuch, aus der römisch-katholischen Kirche auszutreten.

Vor 110 Jahren, 1905, hat Frankreich ein Gesetz zur Trennung von Kirche und Staat verabschiedet und wurde damit zu einem Vorreiter der Laizität – einer Laizität, von der Deutschland noch weit entfernt ist. Der Begriff wurde bereits 1871 vom französischen Pädagogen und Friedensnobelpreisträger Ferdinand Buisson geprägt; Buisson setzte sich schon damals für einen religionsfreien Schulunterricht ein. Unterstützt wurden seine Bestrebungen vom späteren Ministerpräsidenten Aristide Briand. Erstmals taucht der Begriff laïcité in der französischen Verfassung von 1946 auf, seither ist Frankreich eine laizistische Republik.

Laizismus ist eine Weiterentwicklung der negativen Religionsfreiheit und eine konsequente Antwort auf die Versuche der monotheistischen Religionen, Bürger und Staatengemeinschaften mental, psychologisch, ideologisch und wirtschaftlich zu beherrschen. Christentum, Judentum und Islam bemächtigen sich subtil des Denkens und Fühlens ihrer Mitglieder und indoktrinieren sie zu dem Zweck, dass ihre Geistlichen eine geistige bzw. wirtschaftliche Macht über die Gläubigen ausüben können. So ermöglicht das System der Kirchensteuer in Deutschland katholischen und protestantischen Pfarrern einen Wohlstand, den viele von ihnen wahrscheinlich nicht genießen könnten, müssten sie – wie die meisten Nicht-Geistlichen – ihren Lebensunterhalt als Angestellte, Freiberufler oder Unternehmer im rauen Wind der freien Wirtschaft erarbeiten und dabei alle Existenzängste und Arbeitsplatzsorgen durchleben, welche die schnell sich wandelnden Märkte den Firmen, Selbständigen und Arbeitnehmern heute zumuten. Was Jesus von Nazareth vorlebte, nämlich im übertragenen Sinne den Gang über das Wasser zu wagen, indem man sich den Herausforderungen eines ungesicherten Lebens stellt, ist eine Erfahrung, die der Kleriker kaum machen kann, wenn er sich ab dem Zeitpunkt seiner ersten Kaplansstelle in festgelegten Besoldungsgruppen bewegt. Jesus Christus hat anders gelebt, weshalb auch Nachfolge Christi anders aussieht. Sollten Geistliche sich nicht denselben Lebensrisiken aussetzen wie diejenigen Menschen, denen sie predigen?

Als Belohnung für seinen Glauben erhält der Muslim, Jude und der zahlende Katholik bzw. Protestant unüberprüfbare und unbeweisbare Zusagen über seine Erlösung im Jenseits, die ihm angeblich dann zuteil wird, wenn er sich treu an die Gebote und Forderungen der Geistlichkeit und der Schriften seiner jeweiligen Konfession hält. Jeglicher Zweifel daran, dass diese Versprechungen und Jenseitshoffnungen sich post mortem möglicherweise nicht erfüllen, wird von den religiösen Glaubenswächtern in der Regel inquisitorisch und auf´s schärfste bekämpft, unterhöhlt dieser Zweifel doch die Existenzberechtigung der Konfession und ihrer geistlichen Vertreter.



Der öffentliche Raum als religionsfreie Zone

Dass Erlösungsversprechen für das Jenseits und eine Nutznießung aus diesen Versprechen eine Form von Vampirismus, psychischem und wirtschaftlichem Missbrauch der Gläubigen sind, ist ein Aspekt, mit dem sich die verfassungsgebenden Organe der Staaten, insbesondere derjenigen, die sich für aufgeklärt halten, viel stärker befassen müssten, um ihre Bürger vor eben jenem Missbrauch zu schützen. Die negative Religionsfreiheit in ihrer heutigen Formulierung reicht dazu nicht aus. Wir brauchen einen stärkeren Schutz der Bürger vor der subtilen Beeinflussung durch die monotheistischen Religionen als er bisher, auch in Deutschland, praktiziert wird. Wir brauchen einen konsequent religionsfreien öffentlichen Raum: die nicht-private Zone muss eine religionsfreie Zone werden.

Die „Freiheit von Religion“, also die negative Religionsfreiheit, braucht zu diesem Zweck nicht die positive Religionsfreiheit ersetzen. Nach wie vor sollte das gelten, was Friedrich der Große mit seinem berühmten Wort formulierte, dass in Sachen Religion jeder nach seiner Fasson selig werden solle. Talmud, Bibel und Koran müssen in einem freien, aufgeklärten Staat über Buchhandlungen beziehbar bleiben, und wer darin lesen will, sollte das in seinem stillen Kämmerlein auch tun können.

Auch in einem laizistischen Staat muss es möglich sein, dass Eltern ihre Glaubensüberzeugungen an ihre Kinder vermitteln und Konfessionen in ihren eigenen Institutionen Religionsunterricht geben und theologische Studien betreiben können. Aber sobald ein Gläubiger – welcher Konfession auch immer – in die Öffentlichkeit tritt, sollte seine Religionszugehörigkeit weder für Andere erkennbar sein noch in seinem öffentlichen Auftreten irgendeine Rolle spielen. Das bedeutet: keine Soutane, keine Kippa, kein Kopftuch und keine Burka, keine Kreuze und andere religiösen Symbole in der Öffentlichkeit, kein Religionsunterricht an öffentlichen Schulen, keine theologischen Lehrstühle an staatlichen Universitäten, Ersatz der Kirchensteuer durch einen kircheneigenen Mitgliedsbeitrag, keine kirchliche Trägerschaft von Kindergärten, Schulen, Krankenhäusern und sonstigen Heimen und keine wie auch immer geartete Einflussnahme der Konfessionen auf die Politik.

Religion ist Privatsache und gehört deshalb konsequent aus dem öffentlichen Raum zurückgedrängt. Außerdem: es wäre viel sinnvoller und nützlicher, in den Schulen das Pflichtfach Religion durch das Pflichtfach Psychologie zu ersetzen. Es kann doch nicht sein, dass in Deutschland Haupt- und Realschulabgängern sowie Abiturienten beigebracht wurde, der Wanderprediger Jesus aus Nazareth sei am Kreuz gestorben und anschließend wieder auferstanden, sie aber nach dem Verlassen der Schule über solche für die Lebenspraxis eminent wichtigen Themen wie Entwicklungspsychologie, Neurosenlehre, die Mechanismen der psychischen Verdrängung oder über gewaltfreie Kommunikation und Konfliktmanagement nur rudimentäre oder gar keine Kenntnisse besitzen.



Das Wesen des Monotheismus ist Faschismus

Alle drei monotheistischen Religionen erheben für sich einen Absolutheitsanspruch. Das Judentum, insbesondere das orthodoxe, versteht sich seit jeher als auserwähltes Volk. Doch ist ein Volk auserwählt, sind andere es automatisch nicht: die Behauptung des eigenen Auserwähltseins impliziert die Demütigung der nicht auserwählten Völker. Das ist eine – neben vielen anderen – Wurzeln des Antisemitismus. Jahwe, der Gott Israels, verbietet seinen Anhängern, andere Götter neben ihm zu haben. Da bleibt kein Platz mehr, schon gar nicht für Allah.

Und weil Jesus von Nazareth verkündete: „Niemand kommt zum Vater außer durch mich“, erhebt auch die katholische Kirche den Anspruch, die allein seligmachende zu sein und fordert die Anerkennung ihrer Autorität als einzig rechtmäßige Vertreterin Gottes auf Erden. Der Islam leitet seinen Absolutheitsanspruch daraus ab, dass er die Fortführung der beiden früheren abrahamitischen Religionen Judentum und Christentum sei und daher die reine, eigentliche Religion Abrahams mit Mohammed als seinem Beglaubiger darstelle.

Mit Absolutheitsansprüchen von Ideologien, die sich für die einzig wahren hielten und dem Volk mit meist erst verstecktem und dann offenem Zwang aufoktroyiert werden sollten, hat das 20. Jahrhundert grausamste Erfahrungen gemacht, am furchtbarsten durch Hitler und den Nationalsozialismus sowie den Stalinismus. Deshalb sollten wir hellhörig werden, wenn geistige Strömungen – ganz gleich ob sie als Partei oder als Religion daherkommen – für sich beanspruchen, im Besitz der allein gültigen Wahrheit zu sein und daher allein seligmachend. Diese Haltung ist in ihren Grundzügen immer eine faschistische, selbst wenn sie so weichgespült daherkommt wie der Katholizismus. Der Ausschluss von Frauen aus dem Priesteramt, der Pflichtzölibat, das Verbot von Verhütungsmitteln für Katholiken, der Ausschluss von wiederverheirateten Geschiedenen von der Kommunion und noch bis vor kurzem die Kündigung ihres Arbeitsverhältnisses, wenn sie bei einer Organisation in katholischer Trägerschaft arbeiten, sind faschistoide Vorgehensweisen einer Amtskirche, die rigoros nicht nur ihren patriarchalischen Machtanspruch verteidigt, sondern damit auch ihre kritischen und nicht gemäß der reinen Lehre lebenden Mitglieder ausgrenzenden Repressalien aussetzt. Diese sind zwar nicht so brutal wie beispielsweise bei Scientology oder während der NS-Zeit, in ihren Grundzügen jedoch strukturell nicht unähnlich. Mit der Barmherzigkeitslehre des Jesus von Nazareth hat dieses Vorgehen gegenüber „Gescheiterten“ und Apostaten jedenfalls nichts mehr zu tun, sondern ist eine subtile Art des Psychoterrors, die wir aus der Zeit des Nationalsozialismus noch allzu gut kennen. Diese Art von Psychoterror gegen andersdenkende, kritische und aufgeklärte Menschen gipfelt im Islamismus im bewaffneten Dschihad und in brutalen Mordritualen, wie sie beispielsweise bei der Enthauptung gekidnappter Journalisten durch die radikal-islamische IS-Miliz praktiziert werden. Die faschistoide Struktur der monotheistischen Religionen ist die eigentliche Wurzel aller historischen und aktuellen Religionskriege. Wer sich selbst absolut setzt, lässt Anderen keinen Platz mehr neben sich. Dann sind Konflikte und Kriege vorprogrammiert.



Sache und Person trennen

Auf dem Hintergrund dieser Überlegungen sind die damaligen Aussagen von Christian Wulff und Angela Merkel, dass der Islam zu Deutschland gehöre, durchaus hinterfragbar. Dass die deutsche Bundeskanzlerin eine monotheistische, Absolutheit beanspruchende und in vielen Aspekten faschistoide Religion, bei der z. B. auf Apostasie die Todesstrafe steht, als zugehörig zu Deutschland bezeichnet, wirft die Frage auf, ob sie, immerhin Tochter eines evangelischen Pfarrers, die strukturelle Verwandtschaft von monotheistischen Religionen – und hier insbesondere des Islam – mit dem Faschismus jemals reflektiert hat. Und zweitens, wie wichtig in dieser Diskussion eine konsequente Trennung von Sache und Person(en) ist - ein Grundsatz jedes konstruktiv geführten Diskurses. Es wäre besser gewesen, die Kanzlerin hätte gesagt „Unsere muslimischen Mitbürger gehören zu Deutschland“, denn selbstverständlich tun sie das, und zwar genau so wie die jüdischen, katholischen, protestantischen, buddhistischen, atheistischen und sonstigen. Deutschland ist bunt und das ist auch gut so. All diese Gruppen sind – von wenigen Ausnahmen abgesehen – engagierte Bürger, die viel zum Wohl und zum Wohlstand unseres Landes beitragen.

Andererseits ist aber nicht zu übersehen, dass von den monotheistischen Religionen mancher Impetus ausgeht, der schlichtweg unmenschlich und ein Verstoß gegen grundlegende Menschenrechte darstellt: das beginnt bei der Beschneidung von jüdischen und muslimischen Jungen und endet nicht erst beim Pflichtzölibat oder manchen Attacken Israels gegen Palästinenser. Insofern war die Aussage von Stanislaw Tillich – „Muslime sind in Deutschland willkommen und können ihre Religion ausüben. Das bedeutet aber nicht, dass der Islam zu Sachsen gehört“ – wesentlich differenzierter, denn Tillich grenzte nicht muslimische Mitbürger aus, machte aber klar, dass er als sächsischer Ministerpräsident den faschistoiden Zügen ihrer Religion kritisch gegenübersteht und sein Bundesland davor zu schützen gedenkt. Diese Differenzierungsfähigkeit hätte man auch Bewegungen wie Pegida gewünscht. Wenn deren früherer Vorsitzender Lutz Bachmann Muslime als „Viehzeug“ beschimpft, konnte es gar nicht genug Gegendemonstrationen gegen die von ihm gegründete Pegida geben. Andererseits müssen sich die Katholiken unter den Gegendemonstranten auch fragen lassen, warum sie gegen Ausländerfeindlichkeit und Rechtsradikalismus demonstrieren und gleichzeitig nicht merken, dass sie selber Mitglied einer Organisation mit faschistoiden Zügen sind: Wer demonstriert gegen die Frauenfeindlichkeit in der katholischen Kirche, gegen den Pflichtzölibat, gegen die Ausgrenzung wiederverheirateter Geschiedener, gegen das Verbot von Verhütungsmitteln, gegen das Streikverbot für Kirchenangestellte ... ? Die katholische Kirche verantwortet Hunger, Not, Krankheit und Elend bei hunderten Millionen Menschen in der Welt, die nie geboren worden wären, hätte der Vatikan schon vor Jahrzehnten Kondome und orale Kontrazeptiva erlaubt oder sich – noch besser! – aus der Frage der Familienplanung von Anfang an konsequent herausgehalten. Wann ein Paar für ein Kind bereit ist, bleibt eine höchst private Entscheidung, in die sich zölibatär lebende Männer nun gleich gar nicht einmischen sollten.

Wir brauchen angesichts von 9/11, von Charlie Hebdo und IS eine grundsätzliche und intensive Auseinandersetzung mit den monotheistischen Religionen in der Sache, und zwar nicht nur mit dem Islam, sondern mit Katholizismus und Judentum in gleicher Weise – allerdings ohne deshalb ihre jeweiligen Anhänger zu diskriminieren. Menschen sollen glauben, was sie wollen, und ganz gleich, was sie glauben: wir dürfen sie deshalb niemals aus unserer Gemeinschaft ausgrenzen, sondern sollten sie zum kritischen Hinterfragen ihrer Konfession, zum Dialog und zur argumentativen Auseinandersetzung ermuntern. Aufklärung heißt: das Anderssein des Anderen zulassen zu können und Differenzen im Diskurs zu lösen. Deshalb müssen wir fragen dürfen: gehören die Ideologien des Islam, des amtskirchlichen Christentums und des Judentums wirklich noch zum aufgeklärten Deutschland des 21. Jahrhunderts oder sind sie mit unseren Erkenntnissen aus Psychologie, Physik und Bewusstseinsforschung nicht schon längst inkompatibel? Ist es deshalb nicht hoch an der Zeit, sie stärker in den privaten Raum zurückzudrängen und den öffentlichen Raum von ihnen frei zu halten? Sind dreitausend, zweitausend und anderthalbtausend Jahre alte Denkmodelle von Menschen, die sich mit ihnen die Rätselhaftigkeit der Welt erklärten und sie moralisch zu ordnen suchten, überhaupt noch geeignet, eine echte psychische Stabilität für das Individuum und ein friedliches Zusammenleben von Menschen und Staaten zu gewährleisten oder haben wir dafür inzwischen nicht weitaus besser funktionierende Instrumentarien, z. B. Psychologie, Rechtsstaatlichkeit und Gewaltenteilung? Wissen wir nicht längst, dass es Jahwe, Gottvater und Allah gar nicht gibt, diese Phantomgestalten und Produkte menschlicher Phantasie, von denen sich frühere und heutige Generationen Trost und Schutz erhofften in einer von ihnen als trost- und schutzlos empfundenen Welt? Es wird noch viele Wellen der Aufklärung brauchen, bis wir uns nicht mehr als Juden, Christen und Muslime über das definieren, was uns trennt, sondern vielmehr über das, was uns verbindet: ein gleichberechtigtes Mensch-Sein.





Radikalisierung ist auch ein Bildungsprozess

„... Für viele junge Menschen ist die Frage, ob es eine fundamentale Idee gibt, die alle Menschen verbindet, sehr attraktiv, und es ist sehr unbefriedigend zu sehen, dass es die nicht gibt. Aber wo es nur eine Idee für alle geben soll, wird es gefährlich. Ich hoffe sehr, dass man die Idee nicht aufgibt, dass die Menschen voneinander lernen können. Die Religiösen voneinander, aber auch die Religiösen von den Nichtkonfessionellen. In allen unseren Studien zeigten sich die Konfessionslosen viel friedfertiger als alle anderen. Vielleicht liegt das an der säkularen Idee, zu achten, dass es da einen Freiraum gibt, in dem man religiös oder Sportler oder was auch immer sein kann, und wenn das für Andere anders ist, ist das auch in Ordnung ...“

Der Konflikt- und Gewaltforscher Andreas Zick in „Psychologie heute“ 2/2015





Was glauben die Ungläubigen?

„ ... So hat der amerikanische Soziologe Phil Zuckermann Ergebnisse zusammengetragen, wonach Religionslose stark wertorientiert sind. Demnach plädieren sie meist gegen die Todesstrafe, gegen Krieg und Diskriminierung, sie haben weniger Vorbehalte gegen soziale Randgruppen und sie bekunden eine eher liberale Haltung gegenüber Drogenkonsum. Ihre Werteorientierung, so lässt sich daraus folgern, bleibt stets diesseitsgerichtet, sie glauben nicht an unwandelbare, absolute und ewige Werte, sondern huldigen eher einem Wertepluralismus.

Tatsächlich ist die unter gläubigen Menschen weit verbreitete Auffassung, wonach Atheismus mit Amoralismus gleichzusetzen sei, nicht haltbar. Zwar sind Atheisten nicht automatisch bessere Menschen, Verbrecher gab es unter ihnen genauso wie unter Gläubigen, aber ein Atheist wird weder sich selbst noch Andere einem „höheren Wesen“ zu opfern bereit sein. Führt man sich die beispiellosen Gräueltaten vor Augen, die in der Geschichte bis zum heutigen Tag im Namen Gottes gegen die Menschlichkeit schon verübt worden sind, dann haben Atheisten sogar die besseren Karten: Sie wissen ihr eigenes Leben zu schätzen und zu genießen – weil sie sich ja auf nichts anderes verlassen können -, halten nichts von aufoktroyierten moralischen Zwängen und lassen sich nicht von jenen beeindrucken, die bei jeder Gelegenheit die Moralkeule schwingen. ...“

Franz M. Wuketits, Professor für Wissenschaftstheorie und Biowissenschaften an der Universität Wien und Vorstandsmitglied des Konrad-Lorenz-Instituts für Evolutions- und Kognitionsforschung, in „Psychologie heute“ 1/2015




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